UND PLÖTZLICH WAR ICH DER ANDERE
- Nicolai

- 13. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Feb.

Vor ein paar Tagen wurde ich in einem Radio-Interview gefragt, ob sich meine trans* Identität und die Geschlechtsangleichung auf meine Wahrnehmung ausgewirkt hat. Und wenn ja, wie.
Gute Frage, dachte ich, habe aber leider, weil ich in dem Moment etwas überrumpelt war, ziemlich kryptisch (und ich befürchte auch etwas pathetisch) geantwortet. Seitdem denke ich darüber nach, wie ich gerne geantwortet hätte.
Natürlich hat sich meine Wahrnehmung verändert. Ich habe durch die Transition die Erfahrung gemacht, dass ich plötzlich „der andere“ bin. Was ich damit meine, kann ich am besten an einem Erlebnis deutlich machen, das auch andere trans* Männer mit mir teilen.
Vor ein paar Jahren lief ich nachts auf dem Heimweg von einer Party in Köln die Straße entlang. Es war dunkel und außer mir war nur noch eine junge Frau unterwegs, die ein paar Meter vor mir auf der anderen Straßenseite ging. Ich war kurz vor meiner Wohnung und zog das Tempo nochmal an, denn ich wollte so schnell wie möglich nach Hause.
Völlig mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, überquerte ich die Straße. Ich lief jetzt hinter der Frau. Es hat ein paar Momente gedauert, bis ich merkte, dass sie ebenfalls das Tempo steigerte. Ab und an schaute sie sich um und lief dann noch etwas schneller.
Und dann fiel bei mir endlich der Groschen: „Sie hat Angst!“
Plötzlich erinnerte ich mich, wie ich als 16jährige nachts allein unterwegs gewesen war. Wie ich schneller gegangen war und die Straßenseite gewechselt hatte, weil im Schatten hinter mir ein Mann lief. Nur war ich jetzt eben nicht mehr ein 16jähriges Mädchen, sondern ein Mann Anfang 30. Der Mann im Schatten. Der Grund für das Unbehagen der Frau vor mir. Ich ging langsamer und ließ den Abstand zwischen uns größer werden.
Ich habe seit dieser Nacht oft darüber nachgedacht, wie ich während meiner Kindheit und meiner Jugendzeit als Mädchen Männer wahrgenommen habe. Was ich meinte, über Männer zu wissen. Seitdem ich von der Öffentlichkeit als Mann wahrgenommen werde und als solcher durch die Welt gehe, gleiche ich meine Empfindungen immer wieder mit diesem Bild ab.
Der größte Einfluss, den meine trans* Identität in meinen Augen auf meine Wahrnehmung hat, ist dass sie es mir ermöglicht, die Welt aus der Perspektive des andern zu erleben. Plötzlich auf der anderen Seite zu stehen, zeigt mir immer wieder (mal auf gute, mal auf unangenehme Weise), dass diese*r andere nicht unbedingt dem Bild entspricht, das ich mir von ihm oder ihr gemacht habe. Dass er/sie sich vielleicht nicht so fühlt, wie ich das angenommen habe oder noch annehme. Es zeigt mir, dass der/die andere immer auch eine Projektionsfläche für meine Wünsche, Hoffnungen, Träume und Ängste ist.
Das mag jetzt wie eine banale Erkenntnis klingen und man muss sicher nicht trans* sein, um mal in den Schuhen von jemand anderem zu stecken. In der Geschichte, die ich hier gerade erzählt habe, war das körperliche erleben, der ausschlaggebende Punkt. Es gibt viele weitere Beispiele, wo ich meine ursprüngliche Idee davon, wie es ist, ein Mann in dieser Gesellschaft zu sein oder eine Frau oder trans* oder nonbinär, über den Haufen schmeißen musste. Glücklicherweise empfinde ich das als befreiend und ich habe das Gefühl, die Welt wird weiter.





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