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DIE GITARRE VOM DISCOUNTER

Das Bild zeigt eine illustrierte Darstellung von Nicolai Burchartz mit einer Gitarre auf einer Felssitze sitzen, unter ih der Abgrund und im Hintergrund ist ein Dorf zu sehen, mit vielen kleinen Häusern und einer Dorfkirche umringt von Wäldern und Bergen

In meinem Podcast mit Mika hat mich eine Sache besonders berührt: Die Geschichte mit der Gitarre vom Discounter. 

Mika ist in den frühen 2000er Jahren auf dem Land aufgewachsen. Als queere, trans* und nicht-binäre Person erfuhr er damals weder in der Familie noch in der Schule Support oder Verständnis. Stattdessen war sein Alltag geprägt von Mobbing in der Schule und Ablehnung zu Hause.


Seine wichtigste Kraftquelle in dieser Zeit war für ihn der Wald. Die Bäume boten ihm Zuflucht und Ruhe und einen Ort, wo er nicht verurteilt wurde. Der Wald schwieg und nahm ihn an, wie er war. Aber wohin mit all den Gefühlen und Gedanken, die in ihm nach Ausdruck schrien? 


Ich kann mich selbst noch gut daran erinnern, wie ich mich fühlte – gute zwanzig Jahre bevor Mika im Wald Schutz suchte. Ich war so allein, weil ich mich nicht traute, irgendjemandem von meiner inneren Welt zu erzählen. Mich zu zeigen, wie ich wirklich war, erschien mir unmöglich. Und weil niemand wirklich wusste oder verstand, wer ich war, gab es auch keine Resonanz. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass wir Menschen ohne Resonanz kaum existieren können.


Die Rettung für Mika war diese eine Unterrichtsstunde, die seine Musiklehrerin dem Gitarrenspiel widmete. Seine Mutter hatte dafür ein Instrument beim Discounter besorgt. Nix tolles, aber in diesem Augenblick  war das für Mika völlig egal, denn er sah eine Tür und erahnte dahinter einen Weg, der Hoffnung versprach. 


Nicolai Burchartz und Mika schauen in die Kamera, Mika hält zwei Finger  als "Peace" in die Kamera


Während mir Mika von diesem Moment in unserem Podcastgespräch erzählt, leuchten seine Augen und ich kann das zu hundert Prozent nachempfinden. Auch für mich war die Gitarre ein Anker in Zeiten, in denen ich immer wieder drohte, unterzugehen. Die Möglichkeit, meine Gedanken nicht nur in mein Tagebuch zu schreiben, sondern sie zu singen und mit der Gitarre zu begleiten (das geht zum Glück ja schon mit zwei Akkorden ganz prima), war eine Offenbarung! Meine Gefühle, mein Schmerz, meine Hoffnung und mein Sein waren plötzlich hörbar in der Welt. Und es war erstmal egal, ob jemand zuhörte. Hauptsache, ich klang! 


Mika hat, genau wie ich, nie wieder mit dem Spielen aufgehört. Er hat viele Songs geschrieben, die er – anders als ich – eher im privaten Raum mit Freunden teilt.  Ich bin sehr froh, dass die Gitarre echte Resonanz in unsere Leben gebracht hat.  

Der Song, den ich zu Mikas Geschichte geschrieben habe, heißt „Abgrund“. Eine Studioaufnahme gibt es davon zwar noch nicht, aber eine Live-Version, bei der Salome Amend am Schlagzeug dabei ist.




Den Podcast mit Mika kannst du hier hören: https://www.nicolai-burchartz.de/podcast

 



 
 
 

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